DAS EWIGE LEBEN

DAS EWIGE LEBEN

Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen

Die Auferstehung: Grundlagen der islamischen Weltanschauung

Eines der Prinzipien der islamischen Weltanschauung, zugleich ein wichtiger Grundpfeiler des islamischen Glaubens, ist der Glaube an ein ewiges Leben. Der Glaube an die andere Welt ist eine essentielle Voraussetzung dafür, daß man Muslim ist. Das heißt, wenn jemand diesen Glauben ablehnt, wird er nicht länger als Muslim betrachtet. Alle Propheten Gottes (a.s.) haben ausnahmslos nach dem Grundsatz des Monotheismus diesen Glaubensinhalt als den wichtigsten herausgestellt und die Leute dazu aufgerufen, daran zu glauben. Unter islamischen Apologisten läuft dieser Glaubensinhalt als "Auferstehung". Wir begegnen im Heiligen Qur'an hunderten von Versen, welche die Welt nach dem Tod, den Tag der Auferstehung, die Auferstehung von den Toten, Gericht und Werteskala, Aufzeichnung unserer Taten, Himmel und Hölle, Ewigkeit der nächsten Welt und andere Themen bezüglich der Welt nach dem Tod behandeln. Es gibt jedoch zwölf Verse im Heiligen Qur'an, die den "Glauben an das Jüngste Gericht" speziell erwähnen. Der Heilige Qur'an präsentiert verschiedene Ausdrücke für den Tag der Auferstehung, und jeder davon ist ein Tor zur Weisheit. Einer dieser Ausdrücke lautet: "al-yaum-al-achir", was soviel bedeutet wie "der letzte Tag", wobei der Heilige Qur'an uns an zweierlei erinnert:

a) Nicht nur das Leben des Menschen, sondern auch das Leben der ganzen Welt teilt sich in zwei Zeitabschnitte, von welchen jeder als ein Tag bezeichnet wird. Der erste Tag oder Zeitabschnitt, bezogen auf die diesseitige Welt, ist zeitlich begrenzt. Der letzte Tag, der sich auf die jenseitige Welt bezieht, dauert unendlich. Im Heiligen Qur'an finden sich noch weitere Ausdrücke, die das Leben in dieser Welt als "erstes Leben" und das in der anderen Welt als "Auferstehung" bezeichnen.

b) Verbringen wir dieses Leben oder diesen Zeitabschnitt, noch nicht konfrontiert mit dem letzten Tag oder Zeitabschnitt, der vor unseren Augen verborgen ist, so hängt unser Glück in dieser Welt sowie in der anderen von dem Glauben an diesen Tag ab. Unsere hiesige Glückseligkeit steht deshalb mit diesem Glauben in engstem Zusammenhang, weil er uns an die Ergebnisse unserer Handlungen erinnert. Auf diese Weise erkennen wir, daß unsere Handlungen, unser Benehmen, unsere Gedanken, Worte und Moralvorstellungen, genauso wie das Leben des Menschen selbst, vom wichtigsten bis hin zum trivialsten einen Anfang und ein Ende besitzen. Unser Glück an jenem Tag hängt, wie im folgenden noch detailliert abgehandelt werden soll, an diesem Glauben, denn in der anderen Welt wird der Mensch dem Licht seiner tugendhaften Handlungen in dieser Welt entsprechend belohnt, oder es erwartet ihn die Strafe als Resultat seiner bösen Taten. Darum betrachtet man den Glauben an die Auferstehung als eine essentielle Voraussetzung für das Glück des Menschen.

Ursprung und Quelle des Glaubens an ein jenseitiges Leben

Der Ursprung und die Quelle des Glaubens an die Ewigkeit und an ein jenseitiges Leben liegen in erster Linie in Gottes Offenbarungen, von Seinen Gesandten zu der Menschheit überbracht. Kommt der Mensch dazu, Gott zu erkennen und an die Wahrheit der Sendung der Propheten (a.s.) zu glauben und kommt er zu der Erkenntnis, daß das, was sie verbreitet haben, Offenbarung Gottes ist, so wird er, um auf dem rechten Weg zu bleiben, den Glauben an den Tag der Auferstehung und das ewige Leben finden, also an das wichtigste Glaubensprinzip - so verkünden es alle Propheten (a.s.) - des Monotheismus. Einerseits hängt der Grad des Glaubens des Menschen an das jenseitige Leben von seinem Glauben an den Grundsatz vom Prophetentum und ebenso seinem Glauben an die Wahrheit der Botschaften der Propheten ab. Andererseits ist es das Wissen generell und der Grad an Genauigkeit, Logik und Sinn für ein Konzept vom Tag des Jüngsten Gerichts, der ihn bestimmt. Neben Gottes Offenbarung, die den Menschen mittels Seiner Propheten (a.s.) weitergegeben wird, gibt es noch andere Wege, Zeichen und Hinweise für den Glauben an die Auferstehung; es sind Resultate der geistigen, logischen und wissenschaftlichen Anstrengungen des Menschen. Diese bestätigen die Wahrheit der Botschaften der Propheten (a.s.) in Bezug auf den Tag des Jüngsten Gerichts. Es handelt sich dabei um:

a) den Weg zur Gotterkenntnis

b) den Weg zur Erkenntnis der Universums

c) den Weg zur Erkenntnis des Geistes und der Seele des Menschen.

Uns betreffen nun diese Wege, die eine Reihe philosophischer und wissenschaftlicher Argumente erfordern, nicht. Wir wollen das Thema allein auf Grund der Offenbarung und das Prinzip vom Prophetentum besprechen. Aber da diese Wege im Heiligen Qur’an selbst angeführt und klassifiziert werden, werden wir später in einem Abschnitt mit dem Titel "Überlegungen über die andere Welt im Heiligen Qur’an" darauf kommen. Die folgende Aufteilung des Themas "ewiges Leben" und "anderes Leben" aus islamischer Sicht halte ich nun für unabdingbar:

* Die Natur des Todes

* Das Leben nach dem Tode

* Die Übergangswelt

* Der Tag des Jüngsten Gerichts

* Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt

* Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen

* Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen Welt

* Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Qur’an

* Gottes Gerechtigkeit

* Gottes Weisheit

Die Natur des Todes

Was ist der Tod? Ist er Sterblichkeit und Zunichtewerden? Oder bedeutet er Übergang und Übersendung von einem Ort zum anderen, von einer Welt in die andere? Schon immer hat sich der Mensch diese Frage gestellt. Jeder versucht, direkt eine Antwort zu finden oder dem Glauben zu schenken, was dazu geäußert werden ist. Der Heilige Qur’an gibt eine besondere Antwort mit einer speziellen Interpretation der Natur des Todes. Er verwendet den Ausdruck "tawaffa" für den Tod. "Tawaffa" und "istifa" leiten sich beide von derselben Wurzel "wafa" ab. Im Arabischen wird das Wort "tawaffa" für jede vollständige Empfängnis benutzt, bei der nichts fehlt oder weggelassen worden ist. "Tawaffat-ul-mal" bedeutet: Ich habe das Vermögen vollständig erhalten. Dieser Ausdruck nun findet in vierzehn Versen des Heiligen Qur’an für den Tod Verwendung, woraus wir schließen, daß der Tod etwas ist, was wir empfangen. Das bedeutet, im Augenblick, wo der Mensch stirbt, wird er den göttlichen Dienern überantwortet, die ihn in seiner vollkommenen Wirklichkeit und Persönlichkeit in Empfang nehmen. Folgende Vorstellungen leiten sich von dieser Ausdrucksweise des Heiligen Qur’an her:

a) Tod bedeutet nicht Sterblichkeit, Zerstörtwerden und Vernichtung. Es ist ein Übergang von der einen in die andere Welt und von einem Zustand in den anderen, wo das Leben des Menschen in einer anderen Form fortgesetzt werden wird.

b) Das, was das Menschen wirkliche Persönlichkeit ausmacht und als sein "Selbst" betrachtet wird, sind nicht sein Körper, seine Organe oder untergeordnete Elemente des Körpers, denn diese sind sterblich und bilden keine Einheit. Das, was unser Persönlichkeit ausgestaltet und als unser echtes "Selbst" betrachtet wird, wird im Heiligen Qur’an als "Seele" oder gelegentlich als "Geist" interpretiert.

Geist oder Seele des Menschen, die Grundlage, auf der sich sein "Selbst" bestimmt und von deren Unsterblichkeit seine eigene Unvergänglichkeit abhängig ist, nimmt einen Horizont oberhalb des Horizonts von Gegenständen und materiellen Elementen, eine existentielle Position ein. Obwohl Geist bzw. Seele das Produkt der gegenständlichen Evolution der Natur ist, werden Existenzhorizont und reale Position der Natur verändert und erhöht, d.h. sie werden zu einer anderen metaphysischen Welt hin entwickelt. Mit dem Tod wird Geist bzw. Seele in einen Zustand transformiert, der selbst eine Kategorie des Geistes ist. Er erwirbt, anders ausgedrückt, die jenseits der Physik liegende Wahrheit. Der Heilige Qur’an hat in den anderen Versen über die Erschaffung des Menschen gesprochen, ohne dabei Auferstehung und ewiges Leben zu erwähnen, aber er hat einiges an ihm als real herausgestellt, was in Qualität und Kategorie über denen von Lehm und Wasser liegt. In Bezug auf Adam heißt es:

"Und ich blies ihm Geist von mir ein." (Heiliger Qur’an 15:29).

Geist, Seele und das Weiterleben des Geistes nach dem Tode gehören zu den bedeutendsten Themen der islamischen Wissenschaften. Die Hälfte aller grundsätzlichen und unanzweifelbaren islamischen Wissenschaften gründet sich auf die Originalität des Geistes, auf seine Unabhängigkeit vom Körper und sein Weiterleben nach dem Tod. Humanität sowie echte menschliche Werte basieren ebenso auf dieser Wahrheit, ohne die sie völlig imaginär wären. Alle Verse, die deutlich das Leben, das unverzüglich dem folgt, beschreiben - einige davon werden in diesem Aufsatz angeführt - beweisen die Tatsache, daß der Heilige Qur’an den Geist als eine Realität, die unabhängig vom Körper existiert, und als überlebendes Element nach dessen Vernichtung bestimmt. Manche Leute denken, gemäß dem Heiligen Qur’an gebe es keinen Geist oder keine Seele, und das Leben des Menschen ende mit dem Tod; es gäbe keinen Sinn, Freud und Leid bis zum Jüngsten Gericht dauernd begreifen zu wollen, wo einen ein neues Leben erwartet. Erst dort finde man sich und die Welt wieder. Die Verse jedoch, die explizit das Leben direkt nach dem Tode beschreiben, sind genaue Beweise für die Verwerflichkeit solcher Ansichten. Die besagten Leute stellen fest, der Vers: "Der Geist steht meinem Herrn zu Diensten" (Heiliger Qur’an 17:85), sei für diejenigen, die an den Geist glauben, der Beweis. Sie aber vertreten die Ansicht, hinter dem Wort "Geist", das wiederholt im Heiligen Qur’an auftaucht, stecke eine andere Bedeutung. Der Vers jedoch illustriert dieselbe Bedeutung wie die anderen Verse. Solche Leute wissen eben nicht, daß die Grundlage für die Überzeugung jener, die an die Seele glauben, nicht allein dieser Vers, sondern noch zwanzig weitere Verse bilden. Dieser sowie die anderen Verse behandeln das Wort "Geist" einzeln oder in Kombinationen wie "unser Geist", "der heilige Geist", "mein Geist", "der Geist ist unser Befehlshaber" gebraucht, einschließlich des Verses, der sich um den Menschen dreht: "Und ich blies ihm Geist von mir ein"; diese Stellen zeigen an, daß aus Sicht des Heiligen Qur’an eine Wahrheit existiert, die sich "Geist" nennt und über Engeln und Mensch schwebt. Engel und Mensch besitzen somit durch Gottes Gnade diese "befohlene" Wahrheit (ihren Geist). Alle Verse über den Geist weisen darauf hin, daß der Geist eine nicht-physikalische Wahrheit besitzt.

Der Ursprung des Geistes findet nicht nur in verschiedenen Versen des Heiligen Qur’an Bestätigung, sondern auch in Äußerungen des Propheten Muhammad (s.a.s.) und der reinen Imame in den Büchern der Überlieferungen und dem Nahj-ul-Balagha, dem Buch des ersten Imams. Die Verneinung des Geistes ist tatsächlich eine häßliche westliche Idee, die aus dem westlichen Materialismus und Sensualismus entspringt und unglücklicherweise auch einige der aufrichtigsten Nachfolger des Heiligen Qur’an in seinen Einflußbereich zieht. Folgende Beispiele stellen drei von den vier Versen vor, die den Tod als "tawaffa" interpretieren und die dem Menschen eine Reihe vitaler Handlungen wie Unterhaltung, Wunschempfindung und Erwartungen nach dem Tode zuschreiben.

"Zu denen, die gegen sich selbst gefrevelt haben, sagen die Engel, wenn sie diese empfangen: 'Wonach strebted ihr? 'Sie sagen: "Wir waren im Land unterdrückt.' Sie (die Engel) sagen: "War (denn) die Erde Gottes nicht weit (genug), so daß ihr darauf hättet auswandern können?' Sie sind es, deren Aufenthalt die Hölle sein wird - und übel ist die Bestimmung." (Heiliger Qur’an 4:97).

Dieser Vers handelt von denen, die in ungünstiger Umgebung leben, wo der Wille von anderen herrscht. Diese Menschen sind dazu verurteilt, ihre Umgebung zu ertragen. Sie suchen nun nach Entschuldigungen in Ausdrücken wie: "Die Welt ist verderbt, die Umstände sind ungünstig, wir sind durch die Fruchtlosigkeit unserer Versuche, etwas dagegen zu tun, entmutigt." So leben sie innerhalb dieser verderbten Umgebung, geben ihren Methoden nach und versinken in ihrem moralischen Sumpf, anstatt sie zu verändern oder wenigstens sich selbst ihren Übeln zu entziehen, wenn eine Veränderung unmöglich ist. Wenn Gottes Geisteswesen sie dann abberufen, reden diese zu ihnen und beurteilen ihre Entschuldigungen als nicht zu rechtfertigen, weil sie zumindest an einen anderen Ort hätten ziehen können. Die Engel erinnern sie an ihre Fehler und geben ihnen zu verstehen, daß sie für ihre Sünden und die Unterdrückung, die sie erlitten haben, selbst verantwortlich sind. In diesem heiligen Vers betont der Heilige Qur’an, daß Armut und Mutlosigkeit innerhalb einer bestimmten Umwelt keine zu rechtfertigende Entschuldigungen sind, es sei denn, es hätte keinerlei Möglichkeit bestanden, den Wohnsitz zu ändern. Wie in diesem heiligen Vers deutlich wird, wird der Tod, der scheinbar Zerstörung, Sterblichkeit und Lebensende ist, als "tawaffa" - Empfang - interpretiert. Er bezieht sich nicht durch das Wort "tawaffa" auf den Tod, sondern macht auch explizit klar, daß eine Unterhaltung und Besprechung zwischen Engeln und Mensch in den Augenblicken nach dem Tod stattfindet. Wäre das Selbst des menschlichen Wesens gänzlich sterblich und ein rein unbewußter, sinnloser Körper, so wäre eine Unterhaltung nach dem Tod absurd. Dieser Vers impliziert das Reden des Menschen mit anderen Augen, anderen Ohren, einer anderen Zunge mit unsichtbaren Geschöpfen, Engel genannt, wenn er diese Welt und diese Lebensumstände verlassen hat.

"Und sie (d.h. die Ungläubigen) sagen: 'Sollen wir etwa, wenn wir uns in der Erde verloren haben, in einer neuen Schöpfung sein?' Nein, sie glauben nicht, daß sie ihrem Herren begegnen werden" (Heiliger Qur’an 32:10).

Der Heilige Qur’an greift mit diesem Vers eines der Probleme und Zweifel der Ungläubigen in Bezug auf den Tag der Auferstehung und das ewige Leben auf und löst es. Das Problem und der Zweifel bestehen hierbei darin, wie wir nach dem Tod, wenn unser Körper zerfallen und aufgelöst ist, wieder neu erschaffen werden sollten. Alle diese Zweifel sind Vorwände und vorgeschobenes Ergebnis von Glaubenslosigkeit und Ungehorsam; im Gegensatz zu unseren Vermutungen aufgrund des Zerfalls unseres Körpers verliert sich ein Mensch, das bedeutet, das Selbst und die Persönlichkeit eines Menschen, wie der Heilige Qur’an erklärt, nicht. Im Vollbesitz all unserer Fähigkeiten werden wir dem Engel Gottes ausgeliefert. Die Skeptiker meinen mit dem Wort "sich verloren haben" die Tatsache, daß unser physischer Körper zerfällt; er löst sich vollständig auf - wie kann er dann wieder zu etwas Lebendem zusammengesetzt werden? Ein ähnlich liegender Zweifel bezüglich des Zerfalls und der Auflösung des Körpers wird in einigen weiteren Versen des Heiligen Qur’an besprochen. Die Erklärung lautet: Das Verlorengehen findet für unseren mangelhaften Verstand statt. Für den Menschen ist es eine schwierige, ja unlösbare Aufgabe, den menschlichen Körper wieder zusammenzusetzen; nicht aber für Gott, dessen Wissen und Macht grenzenlos ist. In den zitierten Versen stellen die Ungläubigen die Rekonstruktion des physischen Seins des Menschen in Frage. Aber da weicht die Erklärung ab. Das Problem besteht nicht darin, daß unser Körper zerfällt und sich auflöst, sondern darin, daß "wir" uns verlieren, wenn er sich verliert, und "wir" bzw. "ich" dann nicht länger existieren. In anderen Worten: Die Skeptiker sagen, mit dem Zerfall unseres Körpers werde unser Selbst vernichtet. Der Heilige Qur’an stellt im Gegensatz dazu fest, unser wahres Selbst verliere sich nicht. Es werde direkt nach dem Tod unseren Engeln ausgeliefert. Daher besteht keine Notwendigkeit, es irgendwo aufzufinden.

Auch der folgende Vers stellt recht explizit dar, daß unser wahres Selbst (unser Geist), wenn auch unser physisches Wesen sich auflöst, nach dem Tod weiterlebt:

"Gott beruft die Menschen ab, wenn sie sterben, und diejenigen, die (noch) nicht gestorben sind, (vorübergehend) während sie schlafen. Diejenigen, deren Tod Er beschlossen hat, hält er dann zurück, während er die anderen auf eine bestimmte Frist (wieder) freigibt. Darin liegen Zeichen für Leute, die nachdenken." (Heiliger Qur’an 39:42)

Dieser Vers stellt die Ähnlichkeit zwischen Schlaf und Tod, Erwachen und Auferstehung dar. Schlaf ist ein kurzer Tod auf Zeit, und Tod ist ein tiefer und fester Schlaf. In beiden Fällen geht unser Geist oder unsere Seele von einem in einen anderen Zustand über. Der Unterschied besteht darin, daß wir ohne Bewußtsein sind, solange wir schlafen, und wenn wir erwachen, nicht wissen, daß wir in Wirklichkeit von einer weiten Reise zurückkommen, im Gegensatz zum Tod, wo einem alles klar wird.

Betrachtet man diese drei Verse, so wird einem vollständig deutlich, daß die Natur des Todes nicht in Sterblichkeit und Vernichtung bestehen kann, sondern in einem Übertreten von einem in den anderen Zustand. Die Natur des Schlafs aus der Sicht des Heiligen Qur’an wurde inzwischen verdeutlicht. Es ist klar, daß der Schlaf, obwohl er äußerlich und physisch wie eine Befreiung und Entfernung aus dem Machtbereich der Natur aussieht, für die Seele und spirituell eine Art Flucht und Rückkehr zum innersten Wesen und den Himmeln ist. Das Problem von Schlaf und Tod ist eines der ungelösten der Wissenschaft. Was die Wissenschaftler in diesem Zusammenhang bereits entdeckt haben, deckt nur einen Teil des physischen Vorgangs ab, der im Bereich des Körpers stattfindet.

Das Leben nach dem Tode

Vollziehen wir die Auferstehung direkt nach dem Tod und sind die Würfel über unsere Zukunft dann gefallen? Oder betritt man eine spezielle Welt zwischen Tod und dem Tag des Jüngsten Gerichts? Ohne Zweifel kennt nur Gott den Termin des Tages des Gerichts; selbst die Propheten (a.s.) wissen nichts darüber.

Folgt man den Aussagen des Heiligen Qur’an sowie den ihm folgenden und nicht zu bezweifelnden Botschaften und Berichten des Heiligen Propheten (s.a.s.) und der reinen Imame (a.s.), so vollzieht keiner die Auferstehung direkt nach dem Tod, weil der Tag des Jüngsten Gerichts mit einer Reihe von Revolutionen und Umwandlungen in allen irdischen und himmlischen Körpern wie Bergen, Seen, Mond, Sonne, Sternen und astronomischen Systemen einhergeht. Nichts wird am Tag des Jüngsten Gerichts in seinem vorherigen Zustand bleiben. Überdies werden das Erste und das Letzte, der Erste und der Letzte sich an diesem Tag verbinden. Wir sehen aber, daß die Welt noch existiert und vielleicht noch Millionen oder Billionen Jahre mit Aberbillionen Menschen, die noch kommen werden, existieren wird. Aus der Sicht des Heiligen Qur’an und in Übereinstimmung mit den genannten sowie einer Reihe anderer Verse wird übrigens in diesem Intervall zwischen Tod und Jüngsten Gericht keiner jemals einen unbewußten oder sinnlich nicht wahrnehmenden Zustand durchschreiten. Man betritt nach dem Tod eine neue Lebensstufe, auf der man alles sinnlich und bewußt wahrnimmt. Man empfindet Freude, Schmerz, Vergnügen und Sorge. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen Vergnügen und Leid einerseits und unseren Gedanken, unserem moralischen Verhalten und unseren Taten in dieser Welt andererseits. Dieser Zustand besteht unverändert fort bis zum Jüngsten Tag, an dem eine Reihe einzigartiger Revolutionen und Veränderungen plötzlich das gesamte Universum vom fernsten Stern bis zu unserer Erde erschüttern wird. Diese Welt, die für jeden von uns nur ein eingeschobenes Intervall und eine Zwischenstufe zwischen der Welt und der Auferstehung ist, wird damit ganz plötzlich enden. Daher besteht die Welt nach dem Tod dem Heiligen Qur’an Zufolge aus zwei Stufen, das bedeutet, man durchlebt zwei Welten nach dem Tod. Die erste ist, wie die gegenwärtige Welt, vorübergehend und wird "Übergangswelt" genannt. Die zweite ist die Welt des Jüngsten Gerichts und währt ewig. Im Folgenden geht es nun um die Überganswelt und die Auferstehung.

Die Übergangswelt (Barsach)

Das Wort "Übergangswelt" bzw. "Schranke" beinhaltet ein Intervall, mit dem der Heilige Qur’an das Leben zwischen dem Tod und dem Jüngstem Gericht meint:

"Schließlich, wenn zu einem von ihnen der Tod kommt, sagt er: 'Herr! Laßt mich zurückkehren! Auf daß ich recht handeln möge in dem, was ich zurückließ!’ Nein. Das sind nur (leere) Worte von ihm. Und hinter diesen (Verstorbenen) ist eine Schranke, bis zu dem Tag, da sie erweckt werden." (Heilger Qur’an 23:99 und 100).

Das ist der einzige Vers, in der das Intervall zwischen Tod und Jüngstem Tag mit "Übergangswelt" bzw. "Schranke" (arabisch: Barsach) bezeichnet wird. Die Islamgelehrten haben sich auf diesen Vers bezogen, wenn sie die Stufe zwischen Tod und Jüngstem Gericht "Übergangswelt" (Barsach) nennen. Nur insofern bezieht sich dieser Vers auf das Leben nach dem Tod, als er Leute erwähnt, die nach dem Tod bereuen und darum bitten, noch einmal ins Leben zurückkehren zu dürfen, was ihnen jedoch verweigert wird. Deutlich zeigt er auf, daß man nach dem Tod ein Leben führt, das derart gestaltet ist, daß es einem den Wunsch zur Rückkehr abschlägt. Es gibt viele Verse, die zeigen, daß man zwischen Tod und Auferstehung ein Leben derart führt, daß man intensiv fühlt, sich unterhält, Freude, Leid und Kummer empfindet und am Ende eine Art "Glücksgefühl" hat. Insgesamt fünfzehn Verse stellen in dieser oder jener Weise dar, daß man zwischen Tod und Jüngstem Gericht ein vollständiges, abgeschlossenes Leben führt. Die Verse gliedern sich wie folgt:

1. Es gibt eine Anzahl Verse, die sich auf die Unterhaltung zwischen den tugendhaften bzw. denen die gute Taten vollbracht habenden oder den verderbten, bösartigen Menschen und den göttlichen Engeln unmittelbar nach dem Tode beziehen, so wie die Verse 97 der 4. und 99 und 100 der 23. Sure.

2. Es finden sich Verse, die zusätzlich zu den obigen Versen versichern, daß die Engel den tugendhaften bzw. den Menschen, die gute Taten vollbracht haben, nach dem Tod und nach der Unterhaltung den Genuß aller Segnungen Gottes anbieten, d.h. also, sie müssen nicht den Tag des Jüngsten Gerichts abwarten. Folgende zwei Verse gehören zu dieser Gruppe:

"Die Engel sagen zu denen, die sich auf Erden gut verhalten haben: 'Heil sei über euch! Geht in das Paradies ein (zum Lohn) für das, was ihr getan habt!' " (Heiliger Qur’an 16:32)

"Es wurde (zu ihm) gesagt: 'Geh' ins Paradies ein!' Er sagte: O wüßten doch meine Landsleute, daß mein Herr mir (meine Sünden) vergeben und mich unter diejenigen aufgenommen hat, denen Ehre zuteil geworden ist'." (Heiliger Qur’an 36:26/27).

In den Versen, welche diesen letzten beiden voranstehen, findet eine Auseinandersetzung zwischen dem Gläubigen (der Familie Jasin entstammend) und seinem Volke statt. Er lädt sie dazu ein, den Gesandten, die die Leute in Antiochien dazu aufrufen, Gott allein ergeben zu dienen, zu gehorchen. Dabei erklärt er, daß er diesen Gesandten selbst glaube und fordert sie auf, seiner Haltung Achtung zu schenken und ihm zu folgen. Die Verse enthüllen, daß ein Mensch gestorben ist und die Leute ihm keinen Gehorsam gezollt haben. Da erfährt er Gottes Großzügigkeit und Vergebung in der anderen Welt und wünscht, sein Volk, das noch am Leben ist, könnte von seinem Glück erfahren. Diese Ereignisse geschehen offensichtlich vor der Tag des Jüngsten Gerichts, an dem der Erste und der Letzte sich vereinigen und keiner mehr auf der Erde verweilen wird.

Ein weiterer Punkt ist der, daß es nicht nur einen, sondern mehrere Himmel für die Gesegneten gibt. Es gibt entsprechend der Nähe, die der Gläubige zu Gott einnimmt, verschiedene Himmel. Wie übrigens die vom Propheten Abstammenden (a.s.) feststellen, befinden sich einige dieser Himmel nahe bei der Schranke (der Übergangswelt), nicht bei der Auferstehung. Konsequenterweise darf man das Wort "Himmel" in den obigen Versen nicht mit der Auferstehung in Zusammenhang bringen.

3. Es gibt solche Verse, die nicht die Unterhaltung von Mensch und Engeln implizieren. Sie sprechen direkt vom Leben der segnungswürdigen und Wohltaten vollbringenden Menschen und ihrem Wohlergehen, sowie von den verurteilten, verderbten Menschen und ihren Qualen und Leiden in dem Zeitabschnitt zwischen Tod und Auferstehung. Folgende Verse gehören zu dieser Gruppe:

"Halten diejenigen, die um Gottes willen getötet worden sind, nicht für tot. Nein (sie sind) lebendig bei ihrem Herrn, und ihnen werden Gaben zuteil. Dabei freuen sie sich über das, was Gott ihnen von seiner Huld beschert hat, und sind froh über diejenigen, die ihnen nachfolgen, sie aber noch nicht eingeholt haben, denn keine Angst soll über sie kommen noch sollen sie traurig sein". (Heiliger Qur’an 3:169/170).

"Doch die Leute Pharaos wurden von einer schlimmen Strafe erfaßt, dem Feuer, dem sie morgens und abends vorgeführt werden. Und am Tag, da die Stunde (des Gerichts) sich einstellt, (wird es heißen): 'Weist die Leute Pharaos in die schwerste Strafe ein!' " (Heiliger Qur’an 40:45/46).

Dieser heilige Vers offenbart zwei Folterarten für die Leute Pharaos. Eine findet vor dem Tag des Gerichts Anwendung, als "schlimme Strafe" bezeichnet, wo sie zweimal am Tag dem Höllenfeuer vorgeführt werden, ohne daß man sie hineinwerfen würde. Die andere findet nach dem Tag des Gerichts ihre Anwendung. Sie wird als "schwerste Strafe" bezeichnet; dann werden die Leute auf das Kommando einer Stimme hin ins Feuer geworfen. Der Termin der zweiten Strafe wird nicht klar genannt, der ersten hingegen wird mit "morgens und abends" festgelegt. Nach der Interpretation Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) bezieht sich die erste Strafe auf die Übergangswelt, in der es, wie in dieser Welt, Morgen, Abend, Wochen, Monate und Jahre gibt, während sich die zweite Strafe auf die Welt der Auferstehung bezieht, in der die Zeitlosigkeit herrscht.

In allen Berichten Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) über den heiligen Propheten (s.a.s.) werden auf die Übergangswelt und das Leben von Gläubigen und Übeltätern unaufhörlich mit Nachdruck hingewiesen. Nach dem Sieg der Muslims im Kampf von Badr wurde eine Gruppe der arroganten Stammesoberhäupter der Quraisch umgebracht und in einen Kanal in der Nähe von Badr geworfen. Der Prophet Gottes (s.a.s.) beugte sich über den Rand und rief ihnen zu: "Was Gott uns prophezeit hat, ist in Erfüllung gegangen - wie steht es bei euch?" Da sagten einige der Begleiter zum Propheten Gottes (s.a.s.): "Sprichst du zu den Toten? Hören sie denn, was du sagst?" Der Prophet antwortete: "Sie hören jetzt besser als ihr." Entsprechend dieser und anderer Überlieferungen wird der Geist nicht vollständig vom Körper getrennt, mit dem er über Jahre hinweg zusammen gelebt hat und verbunden war, wenn auch der Tod den Körper vom Leben trennt. Am zehnten Tag des Monats Muharram hielt Imam Hussain, nachdem er in Gemeinschaft mit seinen Freunden und Begleitern das Morgengebet abgehalten hatte, eine Ansprache an sie und sagte: "Habt Geduld und Standhaftigkeit, der Tod ist nur eine Brücke, die euch von Leid und Schmerz hinüberführt zu Glückseligkeit, Überfluß und den endlosen Himmelsgefilden."

Überlieferungen teilen uns mit, daß das Leben des Menschen nur ein Schlaf sei, aus dem man in der Minute erwache, in der man stirbt. Das bedeutet, nach dem Tod betreten wir eine höhere, vollkommenere Stufe des Lebens. Genauso, wie ein Mensch, der im Schlafe liegt, in Bezug auf seine Wahrnehmungsfähigkeit schwächer lebt verglichen mit einem, der wach ist und ein vollständigeres Leben führt, ist das Leben des Menschen im Diesseits dem im Jenseits zu vergleichen, wo es vollkommener wird. Hierzu sollen nun zwei Dinge erwähnt werden:

Das erste ist, daß der Mensch in der Übergangswelt - Erzählungen und Überlieferungen der religiösen Autoritäten zufolge - nur über Probleme des Glaubens befragt und untersucht wird, während hingegen der Tag der Auferstehung die Behandlung der übrigen Probleme übernimmt.

Das zweite ist das Glück, das den Verstorbenen durch frommes Handeln ihrer Nachkommen zuteil wird, die sie für sie begehen. Gaben jeglicher Art für die toten Eltern, Freunde, Lehrer oder andere Lieben werden als Geschenke betrachtet, deren Resultat das Glück der Toten ist. Unter diesen Gaben gibt es solche, die regelmäßig sind, wie z.B. die Einrichtung karitativer Institutionen, die den Leuten permanent Wohltaten erweisen genauso wie gelegentliche Gaben. Das gleiche Ergebnis kann durch Gebete, durch Fürbitte, durch eine Pilgerfahrt nach Mekka oder ein einfaches Umkreisen der Kaaba, des Hauses Gottes in Mekka, und durch zusätzliche Pilgerfahrten erreicht werden. Gott verbietet manches, aber manche Kinder enttäuschen ihre Eltern vielleicht schwer. Dann können sie sich aber nach dem Tod ihrer Eltern bessern und ihre Eltern somit zufriedenstellen. Genauso ist das Umgekehrte möglich.

Der Tag des Jüngsten Gerichts

Der Tag des Jüngsten Gerichtes ist die zweite Stufe des ewigen Lebens. Im Gegensatz zum Höllenfeuer, das die individuelle und sofortige Ankunft des Menschen betrifft, geht der Jüngste Tag alle an, das heißt alle Individuen und die gesamte Welt. Es ist ein Ereignis, das alles und die gesamte Menschheit einbezieht, ein Ereignis, das die ganze Welt verlebendigt. Die ganze Welt erlangt eine neue Stufe, ein neues Leben, ein neues System. Der Heilige Qur’an informiert uns über das großartige Ereignis der Auferstehung. Ihm folgend, kommen wir zu der Erkenntnis, daß dieser Augenblick mit dem Erlöschen von Sonnen und Sternen zusammenfällt, damit, daß die Meere über die Ufer treten, die Unebenheiten sich einebnen, die Gebirge auseinanderbersten, die Erde überall bebt, allerorts unter Donner ein Umsturz und eine Veränderungen einzigartigen Ausmaßes stattfinden. Die ganze Welt nähert sich der Zerstörung, Auflösung und Vernichtung aller Dinge. Danach wird sie wieder aufgebaut und neu belebt, und unter neuen Gesetzen und mit neuen Systemen, von den vorherigen völlig verschieden, lebt und besteht sie dann für immer. Im Heiligen Qur’an wird mit verschiedenen Bezeichnungen und Ausdrücken auf die Auferstehung Bezug genommen, von denen jeder eine gewisse, ihr zugeschriebene Bedingung und ein bestimmtes System umfaßt. So wird sie z.B. "Tag der Auferstehung", "Tag der Versammlung" "Tag der Gegenüberstellung" genannt, denn der Erste und der Letzte werden, unabhängig von ihre Platz innerhalb der Geschichte, einander gleichgesetzt sein. Sie wird bezeichnet als "Tag der Enthüllung der Geheimnisse" oder "Tag der Darlegung all unserer Taten", weil dann das innerste Wesen offen dargelegt und die verborgenen, komplexen Wahrheiten entfaltet werden. Der "Tag der Unsterblichkeit" wird auf die Auferstehung bezogen, da sie unzerstörbar und ewig ist. Ein weiterer Ausdruck lautet: "Tag des Klagens" oder "Tag der Reue", weil manch einer bereuen und bedauern wird, sich für diesen "Auftritt" nicht vorbereitet zu haben. Weil sie das großartigste Ereignis und die bedeutungsvollste Begegnung darstellt, wird sie "schicksalhafte Botschaft" genannt.

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